Wahrnehmung, Sensorische Integration und Wahrnehmungsstörungen

Gute Schulleistungen sind wie Früchte eines Baumes. Aber so, wie man Früchte nicht einfach erzwingen kann, ist es damit auch. Wenn der Baum, seine Wurzeln und die Krone gesund sind, er genügend Nahrung erhält, der Boden geeignet ist, dann, und nur dann kann er gute Früchte bringen.

Die Entwicklung der Sinnessysteme

aus: Psychomotorische Förderung eines 5-jährigen Mädchensals vorbeugende Maßnahme gegen Lernschwierigkeiten Michaela Wenzel (Montessoripädagogin, Heilpädagogin, Motopädin) Auszug aus der hier herunterladbaren PDF Broschüre

Alle Informationen über unseren Körper und unsere Umwelt erhalten wir über die Sinnesorgane. Ohne diese ist keine Auseinandersetzung mit sich und der Welt (z.B Mathematik) möglich.

Wahrnehmen wird als ein aktiver Prozess verstanden, bei dem das Kind mit allen Sinnen seinen Körper und seine Umwelt kennen lernt.

Dieser Vorgang lässt sich gut mit dem Wachstum eines Baumes vergleichen, zu dem Wurzeln, Stamm, Äste, Blätter und Früchte gehören. „Die Nahrung kann zunächst nur von unten über die Wurzeln aufgenommen werden. Das Gedeihen und Wachsen zeigt sich aber in den Blättern und Früchten“ (Schaefgen, 1991, 208). Anhand dieses „Baummodells“ will ich die Wahrnehmungsentwicklung und dessen Störungen beschreiben. (vgl. Ayres, 1992; Schaefgen, 1991; Zimmer, 1995)

Körpersinne - Nahsinne

Die Körpersinne auch Basissinne genannt, stellen die Grundlage für die gesamte Entwicklung eines Kindes dar, vergleichbar mit den Wurzeln eines Baumes. Dazu gehören die Sinnesorgane

  • der Haut (taktil protopathisch)  
  • der inneren Organe (visceral) 
  • der Muskeln, Sehnen und Gelenke (kinästhetisch) 
  •  des Innenohres (vestibulär)  

Abbildung 1: Die Wurzeln symbolisieren die Basissinne

 Die Verflechtung dieser Sinneseindrücke vermitteln uns die Informationen über den eigenen Körper und bilden das Fundament für das „Selbst“.

Fernsinne

Der Stamm symbolisiert unsere Fernsinne. Sie betreffen folgende Sinnesorgane:

  • Auge (visuell) Ohr (auditiv)
  • Zunge (gustatorisch)
  • Nase (olfaktorisch)
  • Haut (taktil epikritisch)

Abbildung 2: Fernsinne, durch den Stamm symbolisiert

Durch sie können wir aktiv mit unserer lebenden und dinglichen Umgebung in Kontakt treten, sie wahrnehmen, erkunden, begreifen, verändern, nutzen usw.

Diese Unterteilung geschieht aber nur theoretisch, in der Praxis sind alle Sinne eng miteinander verbunden, bedingen sich gegenseitig und können oft nicht klar getrennt werden

Die Sinnesbereiche

Taktiles System

Unter dem taktilen Sinn versteht man alle Berührungsreize die über die Haut wahrgenommen werden können. Man unterscheidet einerseits die passive Berührungs- und Vibrationsempfindung am eigenen Körper (z.B. durch Streicheln, Waschen, Massieren, Kratzen, Stechen), andererseits das Erkunden der Umwelt durch aktives Tasten und Fühlen mit Hilfe von Händen, Füßen und Mund. So entwickelt sich die Formwahrnehmung, um z.B. Gegenstände zu unterscheiden oder Qualitäten zu erkennen wie rau, glatt, kalt, warm.

Das taktile System entwickelt sich phylogenetisch gesehen als erstes vor allen anderen Sinnesorganen. Im Mutterleib beginnt der Embryo durch das Berühren der Gebärmutterwand Reize am Körper zu spüren. Auch das Empfinden von Temperatur entwickelt sich schon in dieser Phase. Für den Säugling dient die Haut als wichtigstes Kommunikationssystem. Über die Haut lernt es Berührungen entsprechende Bedeutungen zu geben. So reagiert es in der Regel mit Behagen auf Wärme oder sanftes Streicheln und mit unangenehmen Empfindungen auf Kälte oder grobe Berührungen. „Die taktile Kommunikation ist die erste Sprache des Kindes, auf der die verbale Sprache aufbaut“. (Zimmer,1995, 106)

Bereiche der taktilen Wahrnehmung:
  • Temperaturwahrnehmung
  • Schmerzempfindung
  • Berührungen wahrnehmen und lokalisieren
  • Formwahrnehmung

Viscerales System

Ein in der Literatur wenig beachtetes System ist der viscerale Sinn auch Körperinnenwahrnehmung genannt. Darunter versteht man die momentanen Empfindungen aus den inneren Organen. Nur wenn unser Wohlbefinden durch Schmerz oder Missbehagen beeinträchtigt wird, gelangen diese Empfindungen in unser Bewusstsein. Schon ein Säugling ist in der Lage (zunächst ganz allgemein und ungenau) angenehme und unangenehme Gefühle in seinem Körper zu differenzieren. Später lernt das Kind exakter und genauer seine Empfindungen zu lokalisieren.

Bereiche visceraler Wahrnehmung: Atmung Herzschlag Magen Darm und Blase

 Kinästhetisches System

Unter dem kinästhetischen Sinn versteht man die Lage- und Bewegungsempfindung ohne visueller Kontrolle. Kinästhesie bedeutet die „Wahrnehmung der Raum-, Zeit-, Kraft- und Spannungsverhältnisse der eigenen Bewegung“ (Zimmer,1995, 113). Über die Rezeptoren der Sehnen und Muskeln werden kinästhetische Reize signalisiert und zum Gehirn geleitet, das uns wiederum über den Spannungszustand der Muskeln informiert. Die kinästhetische Wahrnehmung entwickelt sich auch schon im Mutterleib. Im Fruchtwasser spürt der Fötus schon seine eigenen Bewegungen.

Bereiche der kinästhetischen Wahrnehmung:
  • Stellungssinn: Stellung der Gelenke und Körperteile zueinander empfinden
  •  Bewegungssinn: Wahrnehmung der Richtung und Geschwindigkeit
  • Kraftsinn: Dosierung der Muskelkraft oder das Konstanthalten der Kraft
  •  Spannungssinn: Regulierung der Muskelspannung
Der Zusammenhang mit anderen Systemen:

Es besteht eine enge Beziehung zwischen den taktilen und kinästhetischen Systemen. Ein Gegenstand, der nur passiv taktil wahrgenommen wird, vermittelt weniger Informationen, als wenn er aktiv d.h. mittels Bewegung erfasst wird. In der Literatur wird daher oft der Begriff taktil-kinästhetische Wahrnehmung gebraucht um die enge Verknüpfung zu verdeutlichen

Vestibuläres System

Der vestibuläre Sinn ist für die Aufrichtung gegen die Schwerkraft und das Gleichgewicht zuständig. Er gewährleistet die Orientierung im Raum und das Wahrnehmen und Regulieren von Beschleunigung und Drehbewegungen und ermöglicht das aufrechte Gehen. Er hat eine große Bedeutung für die „Anpassung des Menschen an seine Umwelt“ (Zimmer,1995, 125). Schon während der Schwangerschaft werden durch die Bewegung der Mutter vestibuläre Reize vom Kind registriert.

Bereiche der vestibulären Wahrnehmung:
  • statisches Gleichgewicht: Gleichgewicht im Stand
  • dynamisches Gleichgewicht: Gleichgewicht in der Fortbewegung
  • Gleichgewicht auf verschiedenartigem Untergrund: z.B. labil oder erhöht
  • Objektgleichgewicht: Balancieren von Materialien (statisch und dynamisch)
Der Zusammenhang mit anderen Systemen:
Das vestibuläre System ist eng mit dem kinästhetischen und visuellen System verbunden. Es hat großen Einfluss auf die Kontrolle der Augenbewegungen, der Regulierung des Muskeltonus, aber auch auf die psychische Befindlichkeit. (vgl. Ayres, J. 1992, 84 ff, 96ff )

Visuelles System

Das Auge ist das Organ mit dem wir optische Reize aufnehmen können. Die meisten Sinnesreize erhalten wir über den visuellen Sinn. Er wird auch als „Gesichtssinn“ bezeichnet. Der Sehsinn ist bereits einige Wochen vor der Geburt schon funktionstüchtig, allerdings noch nicht reif, so dass der Säugling nur eingeschränkt scharf sehen können.

Zu den Bereichen der visuellen Wahrnehmung gehören:
  • Figur-Grund-Wahrnehmung: Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden
  •  Visumotorische Koordination: Zusammenspiel von Augen und Händen
  •  Wahrnehmungskonstanz: Erkennen von Größe, Farbe, Form etc.
  • Raumlage: Raum-Lagebeziehungen ausgehend vom Bezugssystem
  • Räumliche Beziehungen: Beziehung zwischen Gegenständen in Bezug zu sich selbst
  • Formwahrnehmung: Formen unterscheiden, zuordnen
  • Farbwahrnehmung: Farben sehen und unterscheiden
  • Visuelles Gedächtnis: Gesehenes wieder abrufen können

Auditives System

Über das Gehör können wir Töne, Geräusche, und Klänge aufnehmen und differenzieren. Außerdem dient es als Grundlage der sprachlichen Kommunikation. Weiter können mit Hilfe des Gehörs Entfernungen und Richtungen festgestellt werden. Bereits im Mutterleib nimmt der Fötus Geräusche, Stimmen und Musik wahr.

Im auditiven Bereich können sechs Unterteilungen vorgenommen werden:

  • Auditive Aufmerksamkeit: Konzentration auf das Gehörte
  • Figur- Grund- Wahrnehmung: Zentrale Reize aus ihrem Hintergrund wahrnehmen
  •  Auditive Lokalisation: Reize räumlich einordnen ( Richtungshören)
  • Auditive Diskrimination: Laute und Töne differenzieren
  • Auditive Merkfähigkeit: Gehörtes speichern und wieder abrufen können.
  •  Verstehen des Sinnesbezugs: Erfassen des Inhaltes des Gehörten.

Gustatorisches System

Der Geschmackssinn dient zum Unterscheiden von Nahrungsmitteln. Das Genießen von Lebensmitteln ist erst durch dieses System möglich. Auch der Geschmacksinn entwickelt sich bereits im Mutterleib. Der Säugling kann nach der Geburt Geschmack schon unterscheiden.

Man kennt vier Grundgeschmacksarten:
  • süß
  • salzig
  • sauer
  • bitter

Olfaktorisches System

Der Geruchssinn ist bei den Menschen weniger ausgebildet vergleichsweise zu den Tieren, die es als Orientierungssinn benötigen.

Die Nase dient als Schutzsystem und verbindet mit Gerüchen prägnante Erinnerungen.

 

Sensorische Integration

Unter Sensorischer Integration (SI) versteht man die Bezeichnung für ein Entwicklungsprinzip, das für jeden Menschen gilt. Die SI umfasst grundsätzlich drei Prozesse:

  • Reizaufnahme
  • Weiterleitung / Verarbeitung
  • Abgabe

Abbildung: Die Äste symbolisieren die Verknüpfung der Sinne in der S.I. (Sensorischen Integration)

Durch die Sensorische Integration wird erreicht, dass alle Abschnitte des ZNS (Zentralnervensystems) zusammenarbeiten und der Mensch sinnvoll und adäquat auf seine Umwelt reagieren kann.

Lernvoraussetzungen

Früchte und Blätter lassen erkennen ob ein Baum gesund entwickelt ist. Eltern von Vorschulkindern haben den Wunsch, dass ihre Kinder Früchte zeigen, wenn sie in die Schule kommen. Sie sollen Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Um diese Kulturtechniken unproblematisch erwerben zu können, müssen bestimmte Lernvoraussetzungen vorhanden sein.

Die Lernvoraussetzungen und Grundfähigkeiten werden in unserem Beispiel als Blätter symbolisiert, ohne die keine Früchte heranreifen können, ansonsten können Probleme auftauchen.

Beispiele der benötigten Fähigkeiten als Lernvoraussetzungen:
  • Lateralität
  • Körperkoordination
  • Visuelles Vorstellungsvermögen
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Kontaktfähigkeit
  • Handlungsplanung
  • Differenziertes Körperschema
  • Auditives und visuelles Gedächtnis
  • Selektionsfähigkeit
  • Wortverständnis
  • Abstraktionsvermögen
  • Gleichgewichts- / Muskeltonusregulation
  • Sprachliche Fähigkeiten
  • Selbststeuerungsfähigkeit
  • Organisationsfähigkeit Anweisungen umsetzen
  • Körperkoordination
  • Visuelles Vorstellungsvermögen
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Kontaktfähigkeit Handlungsplanung
  • Differenziertes Körperschema
  • Auditives und visuelles Gedächtnis
  • Selektionsfähigkeit

Abbildung: Lernerfolge und Grundfähigkeiten müssen sich wie Blätter und Früchte entwickeln und hängen von der Versorgung und dem Wachstum der Wurzeln ab.

Und wenn diese Grundvoraussetzungen sich gut entwickeln und wachsen, dann trägt der Baum auch Früchte:
  •  Lesen,
  • Rechnen,
  • Schreiben,
  • Soziale Kompetenzen, S
  • elbstbewusstsein
  • und vieles mehr damit das Leben gelingt.

Auch schon in der Bibel wird der Mensch mit einem Baum verglichen im Psalm 1:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, da die Spötter sitzen, sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und was er macht, das gerät wohl.

aus: Psychomotorische Förderung eines 5-jährigen Mädchensals vorbeugende Maßnahme gegen Lernschwierigkeiten.

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